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Prof. Dr. Horst Breuer (Trier)

Warum lesen wir? “The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid”, urteilt der junge Geistliche Henry Tilney in Jane Austens Northanger Abbey (1818), und beweist damit nicht nur Urteilskraft und charakterliche Kompatibilität mit der Romanprotagonistin Catherine Morland, sondern dient auch als Sprachrohr der Autorin, die – ähnlich ihrem Charakter – den Roman als Mittel der psychologischen Bildung begriff. Die Freude am Lesen, Textlektüre als affektiver Lernprozess und das Literaturstudium als vielfältige Lebens- und Lesebildung verstand Prof. Dr. Horst Breuer, der am 15. Juni 2018 seinen 75. Geburtstag feiert,  in seinem langen Wirken als Hochschullehrer der Anglistik unzähligen Studierenden zu vermitteln. Geboren 1943 in Wien, aufgewachsen in Düsseldorf, studierte Breuer Anglistik und Germanistik in Aberdeen und Freiburg, wo er auch promovierte und habilitierte. Zunächst wirkte  er als engagierter Hochschullehrer an der TU Berlin, dann an der Philipps-Universität Marburg und schließlich, bis zum Ende seiner Dienstzeit 2008, an der Universität Trier.

Seine Kollegen und Kolleginnen sowie Schüler und Schülerinnen schätzen Horst Breuer als vielschichtigen, inspirierenden und kreativen Literaturwissenschaftler, dessen thematisch und methodisch breite Forschung gelegentlich auch unkonventionelle Themengebiete streift, zuweilen literaturwissenschaftliche Wendungen vorwegnehmend, die erst zu einem späteren Zeitpunkt den akademischen Diskurs bestimmen würden. Breuers Forschungsarbeiten reichen vom Mittelalter (Chaucer) und der frühen Neuzeit (Shakespeare) bis in die Moderne (Beckett und Joyce) und umfassen neben der britischen und irischen Literatur auch Werke amerikanischer Autoren (Poe und Hemingway). Lange bevor dies im Zuge des „cultural turn“ salonfähig wurde, untersuchte er neben kanonischen Texten auch populärkulturelle Quellen (von Dracula bis Gone With the Wind), vor allem aber widmete er sich mit großer Selbstverständlichkeit den Werken von Schriftstellerinnen (nicht zuletzt der bereits genannten Jane Austen) zu einem Zeitpunkt, als dies noch keineswegs gang und gäbe war. Methodische Bindeglieder zwischen diesen unterschiedlichen Gebieten sind dabei die Literaturpsychologie und ein kontextuelles Verständnis von Literatur beeinflusst von der Rückbindung an historische Schreib- und Produktionsprozesse. Gerade diese von ihm maßgeblich mitgeprägte historische Literaturpsychologie erfährt gegenwärtig eine signifikante Fortschreibung und Vertiefung in der Verschränkung der cognitive sciences mit den Literatur- und Kulturwissenschaften.

An anderer Stelle, in Sense and Sensibility (1811), beschreibt die klug beobachtende Jane Austen gelingendes Leben als handlungsbasiert: “It isn’t what we say or think that defines us, but what we do”. Stellvertretend für viele Kollegen und Kolleginnen möchten wir Horst Breuer nicht nur herzlich zum Geburtstag, sondern auch zu seiner gelungenen Balance des lesend die Tiefen der Welt Erkundens und klugen und lebensweisen Handelns gratulieren. Wir wünschen ihm alles Gute für viele weitere gesunde, zufriedene und wissenschaftlich spannende Jahre.

Dunja Mohr, Erfurt

Anja Müller-Wood, Mainz

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