Klaus Ostheeren (1933 – 2019)

Am 30. Juli 2019 starb in seiner Heimatstadt Berlin Klaus Ostheeren, Universitätsprofessor für Englische Sprachgeschichte, Historische Englische Sprachwissenschaft und Englische Literatur des Mittelalters. Bis zum Ende seines Lebens war er wissenschaftlich aktiv: Er hatte aktuell noch einen Vortrag vor Studierenden des Englischen Seminars zugesagt und an einem neuen Forschungsbeitrag gearbeitet.

Nach dem Staatsexamen in den Fächern Anglistik, Romanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin im Jahre 1958 promovierte Klaus Ostheeren nur ein Jahr später ebendort mit einer Arbeit zu den Begriffen der ‘Freude‘ im Altenglischen. Unmittelbar anschließend bis 1960 forschte er als British Council Scholar an der Universität Cambridge. Ab 1960 war er wissenschaftlicher Assistent in Berlin, ab 1962 in derselben Funktion an der Universität Heidelberg, von wo aus ihn 1965 Helmut Gneuss nach München holte. In München war er nach einer Assistentenzeit mehrere Jahre als Akademischer Rat tätig. 1973 erfolgte die Habilitation. Die vorgelegte Schrift befasste sich mit der Topik der Personenbeschreibung in mittelenglischen Verserzählungen. Noch im selben Jahr vertrat er an der Universität zu Köln den Lehrstuhl Standop, auf den er 1974 als ordentlicher Professor berufen wurde. Im Jahre 1981 nahm er den Ruf nach Münster an (Nachfolge Karl Schneider) und wurde hier ordentlicher Professor und Direktor des Englischen Seminars. Am 31. Juli 1998 wurde er emeritiert.

Klaus Ostheeren verstand und behandelte sein Fachgebiet in Forschung und Lehre in der denkbar vollsten inhaltlichen Bandbreite. Seine zahlreichen Veröffentlichungen und die Themen seiner Lehrveranstaltungen umspannten die englische Sprachgeschichte und die damit verbundene Landes- und Kulturgeschichte der Angelsachsen, die alt- und mittelenglische Sprache selbst und ihre Varietäten, die Mediävistik als Sprach-, Literatur-, Kultur- und Geistesgeschichte des europäischen Mittelalters, das Frühneuenglische, die linguistische Analyse von Werken Shakespeares, die diachrone Linguistik im Allgemeinen, Lexikologie und Sprachinhaltsforschung, Erzählforschung, Semiotik, Rezeptionsästhetik, Textlinguistik, Diskursanalyse, linguistische Stilistik und Theorie der Kommunikationslehre. Ausgehend vor allem von den letztgenannten Disziplinen erkannte er früh die Rhetorik als die universale Kommunikationslehre wie auch die eminente Rolle, die die Sprachwissenschaft in der modernen Rhetorikforschung folglich spielen musste, namentlich für die Entwicklung komplexer Analyseverfahren in den Medien-, Kommunikations- und Textwissenschaften. Als erstklassiger Kenner der antiken Rhetorik wie auch ihrer historischen und modernen Theoriebildung verfasste er als Autor und Co-Autor noch bis lange nach seiner Emeritierung Beiträge zum Historischen Wörterbuch der Rhetorik, u.a. zu Schlüsselbegriffen wie Rhetorizität, Stillehre, Stilistik, Generative Rhetorik, Topos.

Klaus Ostheeren beteiligte sich in hohem Maße an der akademischen Selbstverwaltung. Er war Senator, Mitglied des Konvents, etliche Amtsperioden lang Dekan des Fachbereichs Anglistik, Prodekan desselben, mehrfach Geschäftsführender Direktor des Englischen Seminars, von 1989 an bis zu seiner Emeritierung Hausherr des Englischen Seminars, langjähriger Bibliotheksbeauftragter, ständiges Mitglied und Vorsitzender etlicher Gremien, Kommissionen und Ausschüsse auf Instituts-, Fakultäts- und Universitätsebene und Mitglied staatlicher Prüfungsausschüsse in Zeiten bis heute unübertroffener Studierendenzahlen. Ab 1990 war er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Zentrums für Sprachforschung und Sprachlehre (heute Sprachenzentrum).   

In seinen Lehrveranstaltungen führte Klaus Ostheeren eindrücklich vor Augen, wie ein jeder Text „in jedem seiner Segmente und in der Gesamtheit seiner Ausdehnung“ erfasst werden wollte. Beispielsweise erläuterte er im bis zum Bersten gefüllten AudiMax nicht nur aktuelle linguistisch-psychologische Kommunikationsstrategien der Werbesprache, sondern auch deren Bezüge zu Cicero, zu den Denksystemen des Mittelalters, den Augenfarben bei Shakespeare, zu ästhetischen Gegenständen unterschiedlichster Art und Provenienz, musik- oder kunstwissenschaftlichen Fragestellungen, zu Homiletik oder Sprachphilosophie, und es erschlossen sich die vielfältigen Zusammenhänge von Phänomenen der Sprache mit denen von Welt und Geschichte, von Kunst und Kulturen. Und erstaunlich Vieles war mit den Methoden und Analysemitteln der Sprachwissenschaft beschreibbar und begreifbar.

Das enorme Themenspektrum führte folgerichtig bei seinen Examenskandidaten und Doktoranden je nach Interessenlage und Artung zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Problemstellungen, Gebieten, Schulen und Methoden der Sprachwissenschaft, und im Gegenzug war er als wissenschaftlicher Mentor wiederum offen, unterstützend und anregend. Ausnahmslos allen wissenschaftlichen Assistenten und Mitarbeitern an seinem Lehrstuhl gewährte er großzügig Freiraum und Zeit für eigene wissenschaftliche Entfaltung.

Klaus Ostheeren war ein scharfsinniger und kritischer Beobachter. Auch seine gesprochenen Worte waren treffsicher und geschliffen und er war ein glänzender Rhetoriker in Theorie und Praxis. Er hatte einen hohen Anspruch an sich selbst als Wissenschaftler und akademischer Lehrer; als Mensch war er von wohlwollender Zugänglichkeit und Freundlichkeit auch allen Mitarbeitern – wissenschaftlichen wie nichtwissenschaftlichen – und allen Studierenden gegenüber. Das Englische Seminar vermisst daher nicht nur seine wissenschaftliche Lehre, es vermisst auch seinen kenntnisreichen und verantwortungsbewussten Umgang mit Menschen und Aufgaben, und es vermisst seine ausgesuchte und unanfechtbare Höflichkeit, die so charakteristisch für ihn war, seinen feinsinnigen Humor und seine heitere Gelassenheit. Sein Durchsetzungsvermögen baute auf Dialog und Ausgleich, war völlig frei von persönlichen Interessen und diente dem Wohle der Wissenschaft, des Institutes und der Studierenden. Er hatte ein untrügliches Gefühl für das Angemessene und einen ausgeprägten Sinn für das Schöne.

Er war nicht nur ein profilierter Wissenschaftler: Klaus Ostheeren war ein Gelehrter – mehr noch, er war ein umfassend und in jeder Hinsicht gebildeter Mensch.   

Irmgard Lensing (Münster)

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