Leonhard Lipka (1938–2019)

Leonhard Lipka wurde am 12. Juni 1938 in Jägerndorf (Sudeten) geboren und wuchs dort und nach Kriegsende in Geislingen/Steige auf. Er studierte in Tübingen und Bangor (mit einem Aufenthalt als Assistant d’allemand in Orange) Englisch, Französisch und Geographie unter anderem bei dem Anglisten Hans Marchand und dem Romanisten Eugenio Coseriu. 1965 wurde er mit einer unter Betreuung von Hans Marchand entstandenen Dissertation über englische und deutsche Wortbildung promoviert. Weiterhin unter der Ägide Marchands und Coserius, aber immer mehr mit eigener Handschrift und Öffnung zu neuen Fragestellungen und Ansätzen, begann er 1966 mit der Arbeit an seiner Habilitation über englische Verb-Partikel-Konstruktionen mit out und up. Methodisch war diese Arbeit auf die akribische manuelle Analyse mehrerer Lexika und – damals keineswegs selbstverständlich – auf die Auswertung von Korpusdaten des Survey of English Usage am University College London gestützt. Mit seiner Habilitationsschrift war Lipka Vorreiter für zahlreiche spätere Arbeiten zu englischen Partikeln und Präpositionen in der kognitiven Linguistik. Im Jahr seiner Habilitation, 1972, übernahm er mit 34 Jahren den Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Frankfurt. 1975 wechselte er nach München auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Moderne Englische Sprachwissenschaft, den er bis zu seiner Emeritierung 2003 innehatte. In seinen fast drei Jahrzehnten an der Ludwig-Maximilians-Universität war Lipka auch aktiv und leidenschaftlich in der akademischen Selbstverwaltung engagiert, unter anderem 1995 bis 1997 als Dekan der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften.

Leonhard Lipkas zahlreiche Publikationen besonders in den Bereichen der Wortbildung, Morphologie und Semantik, die neben der englischen Sprache oft auch kontrastiv das Deutsche berücksichtigen, haben die Bandbreite der linguistischen Forschung in diesen Bereichen entscheidend erweitert. Das Verständnis der englischen Wortbildung wurde durch seine Erkenntnis, dass der rein strukturelle Ansatz durch weitere Perspektiven ergänzt werden muss, erheblich bereichert. Ausgehend von seiner profunden Kenntnis der Prager Schule und des Funktionalismus Hallidayscher Prägung bezog Lipka bereits in den 1960er Jahren funktionale, soziolinguistische wie auch generativ-transformationelle Aspekte mit ein. In der lexikalischen Semantik begleitete er mit großem Interesse den Paradigmenwechsel von der strukturalistischen zur kognitiven Semantik und suchte erfolgreich nach Wegen, die Vorteile der scheinbar inkompatiblen Ansätze zu verbinden. Wegweisend war hier schon vor der Etablierung der Prototypentheorie seine Erweiterung und Flexibilisierung des engen Konzepts der Merkmalssemantik mit Hilfe von inferentiellen semantischen Merkmalen, die es erlauben, konnotative Bedeutungen und enzyklopädisches Wissen in eine Merkmalsanalyse zu integrieren. Seine Outline of English Lexicology (1. Aufl., 1990, Niemeyer) und die überarbeitete Version English Lexicology. Lexical structure, word semantics & word-formation (2002, Narr) sind viel genutzte und zitierte Standardwerke im Bereich der englischen lexikalischen Semantik und Wortbildung. In diesen Werken fasst Lipka in eindrucksvoller Weise den Stand der Forschung zusammen und reflektiert neben der prägnanten, enorm beispielreichen Darstellung der strukturalistischen ‚Klassiker‘ auch seine Offenheit für neue Ansätze, die er mit sicherem und stets kritischem Blick für Vorzüge und Nachteile unter die Lupe nimmt.

Leonhard Lipka war immer erstaunlich offen für thematische Spezialisierungen seiner Doktorandinnen und Doktoranden, auch wenn diese nicht mit seinen eigenen spezielleren Forschungsinteressen zusammenfielen. Seine Vorstellung von der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses war von enormer Offenheit, Toleranz und Wertschätzung für die individuelle Leistung geprägt. Er bot inhaltliche Hilfestellungen an, war aber auch nicht beleidigt, wenn man sich letztlich entschied, es dann doch anders zu machen. Hochgestochener, abgehobener Diskurs um der Profilierung willen war nie seine Art; er brachte die Dinge lieber verständlich auf den Punkt.

Deshalb waren auch seine Seminare und Vorlesungen immer gefragt und gut gefüllt. In seiner Lehre hat Lipka das gesamte Themenspektrum der synchronen Linguistik vertreten. Da er sich in englischer Literatur und mit aktuellen Fernsehserien gut auskannte und gern auch Beispiele aus solchen Textsorten – und aus der Berichterstattung über das Tagesgeschehen, die er stets sehr aufmerksam verfolgte – für linguistische Analysen heranzog, hatten seine Veranstaltungen auch einen bemerkenswerten Unterhaltungsfaktor.

Leonhard Lipka war ein Gelehrter im eigentlichen Wortsinn. Die Breite und Tiefe seiner Kenntnisse zum Englischen, Französischen, Deutschen und anderen europäischen Sprachen, sein brennendes Interesse an geistesgeschichtlichen Zusammenhängen, an den großen und auch kleinen politischen Fragen, an der Natur, an der Kunst und vielem mehr machten ihn zu einem Vorbild für seine Schüler und Schülerinnen. Ausgestattet mit einem phänomenalen Gedächtnis und einem exzellenten Auge für Details konnte er Unterhaltungen zu jedem Thema bereichern.

Leider erkrankte Leonhard Lipka schon sehr bald nach seiner Emeritierung im Jahr 2003. Es blieb ihm deshalb weitgehend verwehrt, im Ruhestand an seinen wissenschaftlichen Projekten weiterzuarbeiten. Nach langer Krankheit ist Professor Lipka am 14. Januar 2019 in Potsdam gestorben. Die Anglistik verliert in ihm eine inspirierende Forscherpersönlichkeit und einen begeisterungsfähigen, humorvollen akademischen Lehrer, der Generationen von Studierenden Freude an der Sprachwissenschaft vermittelt hat. Wir werden ihn sehr vermissen.

Wolfgang Falkner und Hans-Jörg Schmid

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