Uwe Böker (1940-2020)

Uwe Böker,

in memoriam

Wir trafen uns zum ersten Mal beim Kieler Anglistentag 1986. Es war mein erster Anglistentag, und das konnte auch gar nicht anders sein: Damals durfte man zu diesen Tagungen – ein Verein war das noch nicht – nur dann, wenn man entweder schon Professor oder wenigstens Privatdozent war, und ich war gerade Anfang Juli habilitiert worden, an der Christian-Albrechts-Universität Kiel – da lag es wirklich nahe, gleich den ersten Anglistentag mitzunehmen.

Uwe Böker, den ich nur namentlich wegen seiner Veröffentlichungen kannte, hatte vorher mit Wolfgang Klooss und mir, den beiden Assistenten am literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl von Rudi Böhm, Kontakt aufgenommen, ob wir beide nicht ein Lokal in Kiel kennten, wo sich am Vorabend der Mitgliederversammlung alle Privatdozenten, die kommen wollten, treffen könnten, zur Vorbereitung eben jener Mitgliederversammlung. Obwohl Wolfgang und ich mit der Organisation der Tagung gar nichts zu tun hatten (die oblag den Assistenten am linguistischen Lehrstuhl von Henning Wode, nämlich Hartmut Burmeister und Ocke Bohn), war es logisch gewesen, gerade uns zu kontaktieren: Hartmut und Ocke waren noch nicht habilitiert, durften also nur organisieren, aber nicht dabei sein (eine ausgleichende Gerechtigkeit mag es gewesen sein, dass Wolfgang Klooss und ich dann den Tagungsband herausgeben durften, ohne dass unsere Namen darauf gestanden hätten – those were the days…).

Am Vorabend der Mitgliederversammlung trafen sich also vielleicht um die 25 Privatdozenten im Heinrich VIII., einer bekannten Kneipe, die hatte Raum und die besten Pizzas und eine späte Sperrstunde. Uwe war von ganz ausgesuchter Herzlichkeit und ungezwungener Höflichkeit mir gegenüber, was mir, als dem Küken in der Runde, etwas von meiner Befangenheit nahm. Mit natürlicher Autorität ergriff er, nachdem alle ihre Bestellungen aufgegeben und wir einander zugeprostet hatten, das Wort: Bei den morgigen Wahlen seien drei der fünf Sitze im Beirat neu zu wählen. Wir hätten bislang weder im Vorstand noch im Beirat auch nur einen einzigen Vertreter unserer Gruppe. Acht Plätze – doch kein Privatdozent! Er fände, wir sollten das morgen ändern und einen oder mehrere Kandidaten aufstellen und für die, als Vertreter der Gruppe der Privatdozenten, geschlossen stimmen, dann brächten wir vielleicht einen durch.

Die Zustimmung war breit und lebhaft. Doch gab einer zu bedenken, selbst wenn wir alle geschlossen für unsere Kandidaten stimmten, dann sei das noch längst keine Garantie, dass wir auch nur einen einzigen durchbrächten, dazu sei unsere Zahl doch zu gering. Uwe sah das sofort ein und machte daraufhin einen – wie mir damals schon schien: genialen, wie ich bald sehen sollte: charakteristischen – Vorschlag: Wir würden völlig offen operieren. Vor den Wahlen könne doch einer von uns aufstehen und sagen, wir würden als Gruppe gerne im Beirat repräsentiert sein. Das und das sind unsere Kandidaten. Wir wissen: unsere Zahl ist nicht hinreichend, um ohne Unterstützung der Professoren im Beirat repräsentiert zu sein. Deshalb bäten wir um die Unterstützung durch diejenigen Professoren, die unser Ansinnen für legitim hielten.

Und genau so haben wir es dann am nächsten Tag auch gehalten: Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war es Hartmut Lutz, der später eine Professur in Greifswald bekam, der aufstand und das so vortrug. Es setzte sofort Gemurmel ein, aber auch das kräftige Kopfnicken einiger ließ nicht ahnen, was dann nach der Stimmauszählung Gewissheit wurde: Die drei freien Plätze im Beirat des Anglistentags wurden mit den drei Kandidaten der Gruppe der Privatdozenten besetzt! Kein professoraler Kandidat hatte die nötigen Stimmen bekommen.

The rest is history. Wie am Folgetag einzelne Ordinarien mit dem Austritt aus dem Verband drohten, weil das nicht mehr ihre Organisation sei und sie die geringe Zahl der Stimmen für sich selbst als eine Beleidigung empfunden hätten (tatsächlich trat keiner aus…). Wie im Laufe der Jahre der Verband sich immer mehr öffnete und schließlich auch Nicht-Habilitierte Mitglied des Anglistenverbandes e.V. werden konnten und die Belange des Nachwuchses berechtigterweise immer größeren Raum einnahmen. Aber auch, nicht zu vergessen, wie Uwe Böker, über Jahre hinweg, einen hohen Preis zu zahlen hatte, galt er doch nun als „Jakobiner“ und mastermind hinter dem Kieler Coup der „Jungtürken“, also als faktisch nicht berufbar, während andere, fachlich gewiß nicht besser als er, flugs an ihm vorbeizogen. Ich habe nie gehört, dass er sich darüber beklagt hätte. Er hatte es nicht für sich, sondern für uns getan, und er erwartete weder eine Belohnung noch empörte er sich über die offensichtliche Abstrafung. Andere aber, aus derselben Gruppe, hatten schon nach zwei Jahren vergessen, dass sie nur als Gruppen-Vertreter in dieses Gremium gewählt worden waren und dass eigentlich von uns eine Rotation vorgesehen gewesen war, um den Charakter der Operation zu unterstreichen: eben keine Persönlichkeitswahl, sondern Gruppen-Repräsentation. Uwe nahm auch das gelassen und mit einem milden Lächeln zur Kenntnis. So sind sie halt, die Menschen. Und noch nachlegen? Bei nächster Gelegenheit die Anzahl der Privatdozenten in Vorstand und Beirat abermals erhöhen? Nein, davon riet er ab. Man solle den Bogen jetzt nicht überspannen, die message sei ja angekommen.

Dass Uwe Böker mir in den Jahren und Jahrzehnten danach immer kollegial-freundschaftlich verbunden blieb, mich regelmäßig mit Sonderdrucken bedachte, selbst bei dem – nun von ihm selbst organisierten – Anglistentag in Dresden Zeit für mich fand, mich nach einem Bewerbungsvortrag (Nf. Göller) in Regensburg schnell in seinem Auto zum Bahnhof fahren wollte, was allerdings knapp wurde, da er in der Tiefgarage der Uni, während wir angeregt über Shelley sprachen, sein Auto nicht wiederfand – all das gehört nicht hierher. Dies aber doch: Jede Geschichte des Deutschen Anglistenverbandes, die nicht mindestens 1 Seite über Uwe Böker hätte, wäre unvollständig und das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Denn Uwe Böker hat Geschichte geschrieben. Selbstlos und unprätentiös-unauffällig. Wie der Stil, so der Mensch.

Das möchte der Jüngste in der Runde von damals doch gerne festgehalten wissen.

Christoph Bode, LMU München


Nachruf Uwe Böker (27.9.1940 – 6.2.2020)

 

Uwe Böker ist kurz vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie verstorben. Wir vermissen ihn, und es fällt schwer, seinen Tod zu akzeptieren.

Uwe Böker war ein unglaublich tüchtiger, hart arbeitender Anglist, der mit seinem Wissen und seiner Art, Fragen zu stellen und Texte zu erschließen, Generationen von Studierenden Freude an Literatur vermittelt hat. Studierende, Kolle- ginnen und Kollegen schätzten seine freundliche, großzügige und einfühlsame Form der Begegnung, die er pflegte, aber auch die zu Späßen aufgelegte und manchmal provozierende Art, Gewissheiten zu bezweifeln und mit seinen Rück- fragen und Kommentaren Verun- sicherung auszulösen. Dies war aber nie eine Überlegenheitsge- bärde, sondern immer eine Auf- forderung, mit Denkgewohnheiten zu brechen, auch mit ihm selbst die fachliche Auseinandersetzung zu suchen.

Uwe Böker wurde am 27. September 1940 in Langelsheim im Harz geboren. Dort verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Zur Schule ging er am angesehenen Ratsgymnasium in Goslar. Schon früh machten ihm nicht nur das Lesen, sondern auch das Klavierspielen und vor allem auch Leichtathletik Spaß. Bis 2007 nahm er an Laufveranstaltungen teil, früher auch an dem vom Anglistenverband einmal jährlich organisierten Lauftreffen in den 1980er und 1990er Jahren.

Der Verlust des Vaters im Krieg und ein nicht einfacher Weg vom Stiefsohn eines Bäckers zum Professor prägten Uwe Böker. Er hat wohl nie soviel von anderen erwartet, wie er selbst bereit war zu leisten, um seinen Lebenstraum zu erfüllen, Literatur zu erforschen und zu lehren. Nach dem Abitur begann er das Studium der Anglistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie in Göttingen, wo er alsbald die Aufmerksamkeit von Prof. Dr. Karl Heinz Göller erlangte, der ihn in sein Oberseminar einlud und bei dem er schließlich 1968 mit einer Arbeit zu Geoffrey Chaucers „Franklin’s Tale“ promoviert wurde. Da war Prof. Göller bereits in Regensburg. So wurde Uwe Böker der erste seiner Doktoranden an der neuen Universität (und der Verfasser dieses Nachrufs der letzte vor Göllers Emeritierung). Die Regensburger Neugründung brachte hohe Belastungen, z.B. beim Aufbau der Bibliothek. In England kaufte Uwe Böker zusammen mit anderen Göller-Schülern ganze Regale englischer Literatur auf.

1982 habilitierte sich Uwe Böker mit einer Arbeit über Loyale Illoyalität: Politische Elemente im Werk Graham Greenes (1982). Die Haltung, die er im Werk seines Autors nachspürte, beschreibt vielleicht auch, was ihm in seiner Karriere zum Nachteil gereicht haben mag. Seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit machten es ihm selbst nicht immer leicht. Zu viel war nicht ausgesprochen und dem demokratischen Miteinander geöffnet worden. Die Freiheiten und die Partizipation in wenig hierarchischen Strukturen, die wir heute genießen, wurden der Kriegsgeneration in Be- rufsverbänden und Unversitätsinstitutionen abgerungen. Bei Uwe Böker geschah dies ohne Zweifel in großer Loyalität zur Universität, aber einige mochten ihn des Gegenteils geziehen haben. Für die übergroße Zahl an Lehrstuhlvertretungen u. a. in Freiburg, München, Passau, Siegen und Göttingen gibt es sicher eine Reihe von Gründen, doch diese lange Wartezeit zermürbte Uwe Böker, auch wenn er sie nutzte, um beeindruckend viel zu publizieren.

Nach seiner Berufung 1993 auf den Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft an der neugegründeten Fakultät der TU Dresden setzte Uwe Böker mit viel Energie und Einsatz fort, was mit Dr. Richard Utz und Prof. Peter Funke (Bielefeld) an der Pädagogischen Hochschule begonnen hatte, die Ausbildung von Anglisten und Amerikanisten. Das war nicht einfach ohne Bücher. Die Doubletten englischer und amerikanischer Literatur, die Uwe Böker viele Jahre zuvor in England erworben hatte, wurden nun im privaten Auto aus Regensburg nach Dresden gefahren.

Forschung und Lehre wurden in einem zweiten Schritt mit der Anschaffung von einem Mikrofilm Readerprinter und einer umfangreichen Mikrofiche- und Mikrofilm-Sammlung von historischen Gerichtsverhandlungen und Chapbooks systematisch weiterentwickelt. Bald führten diese Forschungen zur Aufnahme in den Sonderforschungsbereich der DFG, „Institutionalität und Geschichtlichkeit“.

Uwe Böker forschte breit und in der englischen Literatur vieler Jahrhunderte. Seine Belesenheit wurde bewundert und zeigte sich in der Mitarbeit an Nachschlagewerken zur englischen Literatur, in denen er eine unglaubliche Anzahl von Beiträgen beisteuerte. Seine Methode war literatursoziologisch bzw. sozialgeschichtlich. Sein Interesse an den materiellen und technologischen Verhältnissen der Produktion und Distribution von Literatur blieben dabei stets erkennbar, auch Fragen zum Rezeptionsprozess.

Als „Kriminalprofessor“ fesselte er in Vorträgen nicht nur seine Studierenden, sondern auch ein städtisches Publikum und in der Kinderuniversität begeisterte er seine Zuhörer mit Harry Potter und der unterhaltsamen Erkundung der gesamten englischen Literaturgeschichte. Seinen Studierenden und dem wissenschaftlichen Nachwuchs vermittelte er nicht nur seine Freude an dem sozialhistorischen Studium von Literatur, sondern er setze sich auch mit großem Engagement und unter einem weitaus größeren zeitlichen Einsatz als üblich mit ihren Arbeitsprojekten auseinander.

Uwe Böker war kein Professor, der seine Studierenden und den wissenschaftlichen Nachwuchs detailliert anleitete. Er überließ es seinem Gegenüber, eigene Schwerpunkte zu setzen und mit großer Freiheit im Studium und ggf. später in Lehre und Forschung eigene Entdeckungen zu machen, Methoden zu entwickeln. Uwe Böker verstand es, Studierende für Themen zu begeistern, die ihnen dann ans Herz wuchsen, so dass sie nicht nur wissenschaftlich dazulernten, sondern sich auch als Menschen entwickeln konnten. Die damit verbundenen Freiheiten wussten alle, die Uwe Böker als Betreuer hatten oder mit ihm forschten, zu schätzen. Damit war aber auch deutlich, dass Uwe Böker durch sein Vorbild und durch sein Beispiel wirkte. Gerade aber deshalb prägte er dann doch Themen und Methoden derjenigen, die von ihm lernten.

Die Dresdner Zeit wurde denn auch ein nie endendes Symposium, das manchmal in die Privatwohnung ans Käthe-Kollwitz-Ufer verlegt wurde, vor allem wenn interessante Gäste aus der Welt zu Besuch waren. Ein Blick auf die Elbe inspirierte das Gespräch oder man traf sich gegenüber in der Drachenschänke, später in Bannewitz, um die legendären Würstchen und Kartoffelsalat, auch Kartoffelsuppe bei einem Oberseminar oder einem Doktoranden– kolloquium zu genießen.

Zu diesem geselligen Aspekt der Anglistik gehörte natürlich auch die Organisation von internationalen Tagungen, wie die Jahrestagung der German Society for Contemporary Theatre and Drama in English zum Thema „Drama and Reality“ (1995) und eine Konferenz innerhalb des DFG-Projekts zu „Sites of Discourse – Public and Private Spheres – Legal Culture“ (2001). Mit einer Festschrift zum Thema Literary Views on Post-Wall Europe haben Kolleginnen, Kollegen und Freunde Uwe Böker ein Jahr vor seiner Emeritierung im Jahre 2006 überrascht.

Wir vermissen Uwe Böker, seine Menschlichkeit, seine frischen Beiträge über Literatur, seine Freude an Wissenschaft, und wir erinnern das Vorbild, das er uns gegeben hat als Freund und Kollege.

Christoph Houswitschka

Nachruf Uwe Böker m.Bild (Christoph Houswitschka)

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